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Berge im Wandel

Berge im Wandel – unterwegs zwischen Eis, Aufbruch und neuen Möglichkeiten

Was sich in den Bergen verändert – und warum genau jetzt die richtige Zeit ist, sie neu zu entdecken.

Früher war das Eis selbstverständlich. Heute ist es spürbar: Die Berge verändern sich: Gletscher ziehen sich zurück, Fels wird frei, neue Landschaften entstehen. Rau, wild, faszinierend. Was bedeutet das für unsere Touren? Für Entscheidungen am Berg? Für das, was wir erleben? Wir haben unsere beiden Bergführer Reto Affentranger und Tim Marklowski gefragt.

Reto, du bist schon lange im Geschäft. Wann hast du zum allerersten Mal wahrgenommen, dass sich mit dem Klima auch die Berge verändern?

Reto: So richtig bewusst wurde mir dies im Jahr 2003, als ich mit einem Freund aus der Bergführerausbildung im Mont-Blanc-Massiv unterwegs war, um – als Vorbereitung auf den Sommerkurs – grosse Touren zu unternehmen. Auf einmal bröckelten Berge im Permafrostbereich bis in grosse Höhen. Im Kessel der Couvercle-Hütte etwa kamen in den Couloirs fast im Minutentakt Geröllsalven herunter!

Mittlerweile sind gut zwei Jahrzehnte vergangen. Gibt es Orte, die heute ganz anders sind als früher?

Reto: Im Prinzip alle Dreitausender, die bis anhin von Gletschern geprägt waren. Etwa im Gotthardgebiet oder in den Westlichen Berner Alpen. Hier fehlen die Gletscher allmählich ganz, weil ihre Nährgebiete zu tief liegen. Das verändert sowohl die visuelle Wahrnehmung wie auch die Routenwahl.

Tim: Selbst in der Höhe, zum Beispiel im Monte-Rosa-Gebiet, hängen Gorner- und Grenzgletscher seit 2019 nicht mehr zusammen. Mittlerweile ist die Lücke zwischen den beiden Gletschern mächtig. Das ist echt beeindruckend.

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Was löst dies bei euch aus: wenn die Gletscher sich derart zurückziehen?

Tim: Für mich ist die Faszination am Konkordiaplatz oder im Monte-Rosa-Gebiet immer noch immens. Ich bin ja in Bayern aufgewachsen – fern der Gletscher. Aber zu wissen, dass diese nicht ewig da sein werden, hat auch immer einen negativen Beigeschmack.

Reto: Auch für mich bleibt die Faszination, wenn Eis unter den Steigeisen knirscht. Im Moment gibt es ja durchaus noch grössere Eisströme und vergletscherte Gebiete wie etwa das Jungfraugebiet, Monte Rosa, Bernina oder Mont Blanc. Aber der mittlerweile rasante Rückzug betrübt mich schon. Mit Blick auf die nächsten paar Jahrzehnte stehen uns in den Alpen vermutlich trockene Zeiten bevor. Das Wasserschloss Schweiz respektive die Bewohner:innen werden grosse Herausforderungen zu meistern haben. Dass ich dafür auch mitverantwortlich bin, bereitet mir Kopfzerbrechen.

Wie hat sich eure Arbeit als Bergführer dadurch verändert?

Tim: Ich bin im Vorfeld einer Tour heute sehr viel am Handy, um für die Gäste das Beste aus den geplanten Tagen herauszuholen. Und ein Plan kann sich jederzeit um 180 Grad drehen: Anstatt eines geplanten Eiskletterkurses macht man auf einmal eine Südwandkletterei im Fels. 

Nach wie vor müssen Bergführer:innen unterwegs mit Gästen immer wieder Entscheidungen treffen. Was macht heute einen «guten Entscheid» aus?

Reto: Nach gründlicher Vorbereitung mit offenen Sinnen unterwegs zu sein und dabei stets die nötigen Sicherheitsmassnahmen zu ergreifen. Das war und bleibt der Schlüssel für «gute Entscheide» und erfolgreiche Bergtouren.

Tim: Genau. Und zur falschen Zeit am falschen Ort lieber das Ego zurückzustellen und lebendig heimzukommen. Ich erlebe immer wieder Touren, bei denen ich stolz bin, nicht weitergegangen zu sein – gerade als andere weitergingen. Bei einem Entscheid gegen den Strom zu schwimmen ist immer schwieriger und braucht Mut.

Auch die Touren verändern sich. Könnt ihr uns konkrete Beispiele nennen?

Reto: Überall dort, wo Routen über sich zurückziehende Gletscher führen. Moränen zerfallen, Geröll auf geneigten Gletscherschliffplatten führt zu Steinschlag. Beispiele sind die Zustiege in die Schönbiehütte oder die Neue Monte-Rosa-Hütte. Oder jene in die Obere Bächlilücke und die Fellenberglücke im Bächlikessel.

Tim: Ein Beispiel: Diesen Januar wollte ein Stammgast Mixedklettern gehen im Gantrisch. Es war viel zu warm, die Routen unmöglich zu klettern. Das Panaché nach der Mehrseillänge am Monte Garzo im Tessin dagegen war ein Traum!

Flexibel bleiben ist die Devise.

Tim: Auf jeden Fall. Klettern im Winter ist einfach toll. Und erst recht die Kombination aus Zustieg mit Ski und Klettern in einer Südwand!

Reto: Auf den neu entstehenden Gletschervorfeldern beobachten wir, wie Pflanzen diese für sich beanspruchen. Die zeitliche Abfolge der Pflanzenarten finde ich etwas sehr Spannendes!

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Nehmt ihr Touren und die Umgebung aufgrund der raschen Veränderung heute insgesamt anders wahr als früher?

Reto: Ja. Im Bewusstsein, dass nicht mal die Gletscher und Gipfel ewig sind, ist jeder Tag in den Bergen ein Geschenk. Mit einer gewissen Demut ist das immer aufs Neue intensiv.

Tim: Für mich fühlt es sich heute an wie ein Sechser im Lotto, wenn die Begehung einer Route klappt, die heute selten «in shape» ist. Also eigentlich noch besser als ein Sechser im Lotto!

Warum lohnt es sich gerade jetzt, in die Berge zu gehen?

Tim: Dies hat zwar nicht mit dem Klimawandel zu tun, sondern mit unseren Zeiten: Diese sind digital, oft reizüberflutet und schnell. Berge sind für mich der Gegenpol. Ein Raum, in dem der Mensch sich selbst und die Welt – aufs Wesentliche reduziert – erlebt. Ein Ort, an dem das Dasein in seiner Echtheit erfahren wird. Die Kombination aus Körpererfahrung, Naturerfahrung und Kamerad:innenschaft ist eine der esssenziellsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. 

Was würdet ihr jemandem sagen, der oder die noch zögert, in den Bergsport einzusteigen?

Reto: Warum warten!? Du weisst nie, was übermorgen kommt. Der Lauf der Zeit ist zu kurz, um Dinge aufzuschieben.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Welchen Moment in eurer bisherigen Bergkarriere werdet ihr nie mehr vergessen?

Tim: Ich durfte letztes Jahr mit einem bergpunkt-Gast, und mittlerweile Freund, die klassische Haute Route ausserhalb der Saison in drei langen Tagen geniessen. Hütte und Lifte waren bereits geschlossen, den obligaten Taxi-Transfer haben wir durch eine Bike-Etappe ersetzt und statt Halbpension gab es Daunenschlafsäcke und Gaskocher. Es war unglaublich, was wir an «Wildlife» bestaunten in diesen Tagen, in denen wir in einsamster Landschaft unterwegs waren: Bartgeier ganz nah über uns, Murmeltiere in absurder Anzahl, Steinbockkolonien in aller Ruhe. Das ist unvergesslich.

Und du, Reto?

Nun, von «dem Moment» zu sprechen, ist für mich schwierig. Es gibt so viele spezielle und unvergessliche Momente. Und einige Orte, die mir in sehr guter Erinnerung sind. In dem Sinne würde ich sagen: Es ist dieses «heimelige» Gefühl, in den Bergen an einem Ort zu sein, der mir sehr vertraut ist.

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Danke vielmals für das Gespräch, Reto und Tim!

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