Bergpunkt

Haute Route alternativ

Gästegeschichten

Haute Route alternativ 2009 - ein unvergessliches Abenteuer

von Brigitte, Oktober 2024

Die grosse Gruppe an einem Schönwettertag.
Die grosse Gruppe an einem Schönwettertag.

In der Schwangerschaft mit meinem ersten Kind wechselte ich vom Snowboard auf Tourenski – damals aus meiner Sicht „breite“ Ski – und begann, Skitouren zu machen. Nach der Geburt freute ich mich riesig, wieder auf den Ski zu stehen. Als mein Sohn acht Monate alt war, meldete ich mich 2009 spontan für eine Haute-Route-Variante mit bergpunkt an. Ich war noch nie mit bergpunkt unterwegs gewesen, hatte gerade erst abgestillt und war noch nicht wirklich "in shape"– aber voller Vorfreude.

Am ersten Tag reisten wir nach Arolla. Es lagen satte 100 cm Neuschnee, an einen Aufstieg über den Pas de Chèvres war nicht zu denken. Da eine weitere bergpunkt-Gruppe in der Region unterwegs war, beschlossen die Bergführer, die Gruppen zu vereinen, um gemeinsam das Beste aus den Bedingungen zu machen.
Der erste Aufstieg im dichten Nebel – Sichtweite etwa zwei bis fünf Meter – führte uns zur Cabane de Irgendwo (ich glaube, es war die Cabane des Aiguilles Rouges). Immerhin waren wir in einer netten Hütte und mit einer lustigen Gruppe unterwegs. Der Abstieg am nächsten Tag wurde legendär: Wir konnten kaum fahren, sondern „stöckelten“ und purzelten fast die ganze Abfahrt zurück ins Tal.

Am zweiten Tag gelang uns der Übergang über den Pas de Chèvres, und wir übernachteten in der Cabane des Dix. Bei strahlendem Sonnenschein ging es am dritten Tag zur Pigne d’Arolla – mit beeindruckenden Schneemassen, „Wumm“-Geräuschen und grossen Abständen in der Seilschaft. Die direkte Abfahrt nach der Cabane de Chanrion war zu heikel, also wichen wir zum Col Nord des Portons aus. Und ja, weil die tief verschneite Landschaft noch so unberührt war, machten wir dann auch eine Fernauslösung. Rückblickend war es lehrreich einmal zu erleben, wie sich innert eines Bruchteils einer Sekunde ein Schneebrett über 150-200 Meter gleichzeitig mit einem leisen Knall löst und die ganze Schneemasse gleichzeitig und leise, aber schnell, ins Rutschen gerät (dies bei schönstem Sonnenschein). Wir standen auf der anderen Seite des kleinen Tals vor dem Pass und es war klar, dass die Lawine uns nicht erreichen würde – dennoch war es nachher still in der Gruppe, wo sonst permanent Sprüchli fielen, geredet und geraucht wurde...
Die Abseilstelle war zu diesem Zeitpunkt eine willkommene Ablenkung und bald waren wir bei der Hütte, für Bier und Debriefing.

Später führte uns die Tour über den eindrucksvollen Glacier d’Otemma. Unser Ziel: das Rifugio Nacamuli. Der Bergführer hatte von unterwegs für dreizehn Personen (beide Gruppen) reserviert – dachten wir. Vor Ort stellte sich heraus: reserviert für drei Personen. Die Lösung? Die unbenutzte Winterhütte nebenan, tadaaaaa. Was zum ersten Moment nach einer guten Lösung klang, stellte sich anders heraus: Die Winterhütte war ewig nicht mehr benutzt worden. Nach einem mühsamen Zustieg – der Weg musste mit Pickel eingerichtet werden – erwarteten uns Schnee auf dem Boden, gefrorene Matratzen und kein funktionierender Ofen. Wir nahmen es mit Humor, kuschelten uns in Wolldecken und „schliefen“ im Rauschen der Goretex-Hosen und Softshells.
Am nächsten Morgen waren wir doch fitter als die drei, die im warmen Rifugio übernachtet hatten – dort war es laut, unruhig und chaotisch gewesen, wegen der Partystimmung der einen und die frühen Aufbruchstimmung der anderen, die morgens um 3 Uhr Leuchtturm mit den Stirnlampen spielten.

Der letzte Tag führte uns vor grandioser Kulisse nach Zermatt.

Es waren tolle Tage mit einer Prise unvergesslicher Abenteuer, ein super Teamgeist und Zusammenhalt in der Gruppe und kompetente Bergführer – genau der Grund, warum ich seither zahlreiche (auch ab und zu wieder abenteuerliche) Touren mit bergpunkt unternommen habe. Auch die «Erfindung» der Spontantouren kam mir als berufstätiger Mutter sehr entgegen, konnte und kann ich doch so als berufstätige Mutter in meiner begrenzten Freizeit super Skitouren in immer wieder neue unbekannte (merci, Peter, bisch de Beschti) machen. Was ich auch immer wieder schätze, sind Begegnungen mit den unterschiedlichsten bergaffinen Menschen – zwischen 17 und 75 Jahren, aus allen Ecken der Deutschschweiz - Akkordmauer, Polizistin, Staatsanwältin für Cybercrime, Archäolog:innen, Financiers, Taxitänzer, Entwicklungshelferin und so weiter.
Weiter so und danke den Bergführer:innen und allen Mittüüreler:innen für all die unvergesslichen Tage!

Weitere Bilder von Brigitte

Tag 1 beim Start...
Tag 1 beim Start...
...und die sogenannte Abfahrt (mit viel Stockeinsatz).
...und die sogenannte Abfahrt (mit viel Stockeinsatz).
Die grosse Fernauslösung, die wir am dritten Tag beobachten konnten...
Die grosse Fernauslösung, die wir am dritten Tag beobachten konnten...
..und die Ablenkung in Form von Abseilstelle.
..und die Ablenkung in Form von Abseilstelle.
Grosse Abstände - da wurde weniger "geschwätzt"...
Grosse Abstände - da wurde weniger "geschwätzt"...
...Winterhütte Nacamuli, immerhin ein Dach über den Kopf...
...Winterhütte Nacamuli, immerhin ein Dach über den Kopf...
...und zum Abschluss noch eine traumhafte Abfahrt nach Zermatt!
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