Bergpunkt

Freie Sicht aufs Mittelmeer

Pionierskitourenwoche weit im Süden bei Limone Piemonte

Erstmals schrieb bergpunkt in diesem Winter eine Skitourenwoche im Valle Vermenagna in den Seealpen aus; nach fünf herrlichen Touren mit unglaublich gutem Schnee: Begeisterung pur!

Endlich: «Korsika in Sicht!» Der Traum, der meine Vorfreude geprägt hat, geht in Erfüllung. Und dies schon am zweiten Tag unserer Tourenwoche im Valle Vermenagna in der Südwestecke des Piemonts: Kurz unter dem Gipfel der Rocca dell’Abisso ragen plötzlich aus den weichen Wolken über dem Mittelmeer die höchsten Berge der Insel Korsika heraus. Staunen und schauen …

Wir sind in den Seealpen – und wie es der Name sagt, Alpi Marittime, sind wir nahe am Meer, in einem meiner liebsten Massive. Warum? Seine Gipfel sind gross und wild und nicht überlaufen, die Täler voller Überraschungen, das Licht südlich, Essen und Trinken von feinster italienischer Qualität. Und die einzigartige Aussicht: Man blickt aus einer anderen, ungewohnten Perspektive auf den Alpenbogen, im Süden die sanften, waldigen Bergkämme, die zum Meer auslaufen, im Norden von Monviso bis zu Montblanc, Matterhorn und Monte Rosa, darunter die Poebene.

Aufstieg zum Monte Ciotto Mieu
Aufstieg zum Monte Ciotto Mieu
Am Gipfel Monte Ciotto Mieu
Auf dem Gipfel Monte Ciotto Mieu
Abfahrt Monte Ciotto Mieu
Abfahrt Monte Ciotto Mieu
Abfahrt Monte Ciotto Mieu

Wir sind in den Seealpen – und wie es der Name sagt, Alpi Marittime, sind wir nahe am Meer, in einem meiner liebsten Massive. Warum? Seine Gipfel sind gross und wild und nicht überlaufen, die Täler voller Überraschungen, das Licht südlich, Essen und Trinken von feinster italienischer Qualität. Und die einzigartige Aussicht: Man blickt aus einer anderen, ungewohnten Perspektive auf den Alpenbogen, im Süden die sanften, waldigen Bergkämme, die zum Meer auslaufen, im Norden von Monviso bis zu Montblanc, Matterhorn und Monte Rosa, darunter die Poebene.

Die Woche hatte mit der Anreise nach Limone Piemonte begonnen. Das Dorf liegt am Fuss des Colle di Tenda, dem Übergang, der geradlinig ans Mittelmeer und nach Monaco hinunterführt. Bekannt ist der Pass auch für seine Befestigungsanlagen aus dem 19. Jahrhundert: grosse Forts, die man von Touren aus immer wieder als Fixpunkt sieht. Der Tourismusort Limone, der gut mit der Eisenbahn erreichbar ist, rassige Skipisten und im Sommer eine bekannte Bikestrecke über die alte Passstrasse bietet, hatte in den letzten Jahren einiges zu verdauen: die harten Massnahmen in der Zeit der Pandemie, die in den letzten Monaten horrenden Energiepreise und zu all dem eine verheerende Überschwemmung im Herbst 2020, die die Zufahrt zum von 1882 datierenden Autotunnel des Colle di Tenda zerstört hat. In einigen Monaten sollte er neu eröffnet werden. Dann werden wieder mehr französische Touristen hierhinkommen, deren Stimmen man auch jetzt in der hübschen Fussgängerzone ausmacht. Der Ort selbst ist eine kuriose Mischung aus heruntergekommenen «Palazzi» aus dem Bauboom der Nachkriegszeit, Fünfsternhotels, einfachen Restaurants, schicken Bars und netten Cafés: Italien mit seiner Vielfalt und seinen Gegensätzen!

Aufstieg Rocca dell'Abisso
Gipfel Rocca dell'Abisso
Gipfel Rocca dell'Abisso
Gipfel Rocca dell'Abisso
Aufstieg Monte Ciamossè Vorgipfel
Gipfel Aussicht Richtung Palanfrè von Ciamossè, Vorgipfel
Abfahrt Monte Ciamossè, Vorgipfel Richtung Palanfrè
Abfahrt Monte Ciamossè, Vorgipfel Richtung Palanfrè
Abfahrt Monte Ciamossè, Vorgipfel Richtung Palanfrè

Zurück zu den Skitouren. Fünf Tage, fünf Touren – und ich wüsste nicht, welche die schönste war. Auch der Ausklang auf den Vorgipfel der Giosolette wartet mit einem Trumpf auf: Obwohl die Temperaturen schon die ganze Woche sehr warm waren, ziehen wir am Ende auf nicht einmal 1400 Metern Pulverkurven. Und dies, übergangslos, nach Firnhängen vom Feinsten! Die Luft ist staubtrocken in diesem niederschlagsarmen Winter. Und so fanden wir in diesen Tagen eben nicht wie befürchtet Schlammschnee oder Beinbrecherdeckel, sondern meist feinsten Pulver. Und weil wir so weit im Süden sind und sich hier der Schnee schnell umwandelt, eben auch samtigen Firn. 

Die schönsten Abfahrten? Wohl jene vom Monte Ciotto Mieu und dem Vorgipfel des Ciamossè hinunter nach Tetti Folchi beziehungsweise Palanfrè. Unglaublich guter Schnee und umwerfende Landschaften, in den wir allein unterwegs sind, so dass wir uns wirklich wie kleine Pioniere fühlen. Hinunter nach Palanfrè sieht man zwar nicht das Mittelmeer, aber auch hier würde ich mich am liebsten hinsetzen und lange schauen: Gneisblöcke, weiter unten jedoch Kalkwände, am rechten Talhang ein mächtiger Kiefernwald, der mit seinem Grün das Weiss des Schnees gegenüber betont. Wir sind im Parco delle Alpi Marittime, dem Naturpark der Seealpen, der an den französischen Mercantour-Nationalpark grenzt. Dank einer Forststrasse erreichen wir bequem den Weiler Palanfrè, wo wir im Hofladen der Azienda Agricola Isola erstklassigen Käse kaufen. 

Aufstieg Cima della Fascia
Aufstieg Cima della Fascia
Aufstieg Cima della Fascia
Aufstieg Cima della Fascia
Gipfel Cima della Fascia
Abfahrt Cima della Fascia
Abfahrt Cima della Fascia
Abfahrt Cima della Fascia

Die Rocca dell’Abisso ist wohl unschlagbar, was das Panorama angeht. Und dann ist da noch die Cima della Fascia. Eigentlich unglaublich, dass dieser Gipfel und das ganze Valle Vermenagna bei ausländischen Alpinisten nicht bekannter ist. Nach dem vielfältigen Aufstieg durch das wunderschöne Valle del Cros, die Rinne des Canalino Nord, wo wir die Ski aufbinden, und die letzten in der Sonne liegenden Meter meint Jonas: «Kein Wunder, dass dies ein Klassiker ist!» Ein Paradeberg, den wir mit nur zwei weiteren Skitourengängern teilen. Der Boden rund um sein Gipfelkreuz ist aper, hier gibt es trockene Edelweisse vom letzten Sommer, wir faulenzen, bevor wir die Abfahrt über die Nordwestflanke anpacken. Sie war uns schon bei der Anreise aufgefallen: Der Hang leuchtete am Horizont in der Nachmittagssonne. 500 Höhenmeter, regelmässig zwischen 30 und 35 Grad steil und dem Blick gerade hinunter auf Limone – ein Traum. 

Wir beschliessen die Tour in Limone mit einem Bier auf dem Dorfplatz. Dazu gibt es Focaccia und Pizza, wie üblich werden in Italien die leckeren Häppchen ungefragt mitserviert. Ich fasse für mich die Woche zusammen: Sicht und Licht, Hänge und Gelände, Wein und Sein. Und alles auf erstklassigem Niveau. Die Seealpen haben längst ihren festen Platz in meinem Herzen.

 

Christine Kopp, Text und Bilder

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