Bergpunkt

Gleitschneeproblematik im Einzelhang

Entstehung, Risiken und Verhalten für Tourenfahrer*innen

Gleitschneelawinen sind Lawinen, die direkt auf dem Boden abgleiten. Oft geht einem Gleitschneelawinenabgang ein gletscherähnliches, sehr langsames Fliessen und Verformen der Schneedecke voraus. Dabei entstehen am oberen Rand des abgleitenden Bereichs grosse Risse, die bis zum Boden reichen, sogenannte Fischmäuler. Am unteren Ende der fliessenden Schneemasse wird der Schnee «gestaucht», so dass wellenförmige Formen entstehen. 

Ist die Schneedecke komplett durchfeuchtet, sprechen wir von warmen Gleitschneerutschen. Was wir in den letzten Jahren vermehrt gesehen haben, sind jedoch kalte Gleitschneelawinen im Hochwinter. Sie entstehen in Wintern, in denen der Boden beim Einschneien noch warm ist und schnell mit einer relativ grossen Schneemenge überdeckt wird. Die Gefahr kalter Gleitschneelawinen kann mehrere Wochen anhalten und ist weitgehend unabhängig von der aktuellen Lufttemperatur und Sonneneinstrahlung im Tagesgang. Eine kalte Gleitschneelawine kann also auch am frühen Morgen bei tiefen Temperaturen spontan abgehen.

Von Tourenfahrer*innen können Gleitschneelawinen nicht ausgelöst werden, denn es gibt keine brechende Schwachschicht wie bei Schneebrettern; diese Lawinen gleiten auf einem feuchten Schneefilm direkt auf dem Boden ab. Unter Umständen bedrohen sie – wie Gletscherabbrüche – grosse Bereiche einer Route. 

Typische Gefahrenzonen sind steilere Grashänge oder Hänge mit Felsplatten als Untergrund. Fischmäuler können die Gefahr anzeigen, rund die Hälfte der kalten Gleitschneelawinen gehen jedoch ohne Fischmaul-Bildung ab. Mit einer geschickten Spuranlage (Gefahrenzonen meiden) und nur kurzem Aufenthalt in der Gefahrenzone (z.B. rasche Traversierung) minimieren wir das Risiko.

Nicht zu vergessen ist auch die Gefahr von versteckten Gleitschneerissen in der Abfahrt. Fährt man versehentlich mit den Ski hinein, kann es zu bösen Stürzen kommen!

Aktive Gleitschneezone oberhalb des Hotels Schwarenbach.
Aktive Gleitschneezone oberhalb des Hotels Schwarenbach.
In der Detailaufnahme sieht man noch die alte Spur.
In der Detailaufnahme sieht man noch die alte Spur.

Einzelhangbeurteilung

In der wissenschaftlichen Schnee- und Lawinenkunde wird das Thema Gleitschneelawinen bisher kaum untersucht, empirische Daten sind uns nicht bekannt. Auch die praktischen Empfehlungen zum Risikomanagement sind dürftig: «Zonen mit Gleitschneerissen sollten möglichst gemieden werden.» Michael Wicky beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Risikomanagement im Bergsport. Der aktuelle Winter mit seiner anhaltenden Gleitschneeproblematik hat ihn veranlasst, seine Gedanken zum Thema aufzuschreiben und mit anderen erfahrenen Bergpunkt-Bergführer*innen auszutauschen. Das Resultat: der Versuch, aus jahrelangen Beobachtungen einen systematischen Überblick zu schaffen. Wir würden uns freuen, damit wissenschaftliche Untersuchungen anzuregen.

Unserer Ansicht nach ist es möglich zu beurteilen, wie gefährlich ein Hang mit Gleitschnee zu einem bestimmten Zeitpunkt gerade ist. Etwa besteht erhöhte Gefahr, wenn Beobachtungen darauf schliessen lassen, dass der Gleitschnee aktuell fliesst. Indizien dafür sind gegeben, wenn:

- In einem ähnlichen Hangbereich frische Gleitschneelawinen abgegangen sind.
- Sich ein Fischmaul innert Stunden vergrössert. Dies lässt sich auf zweierlei Weisen feststellen: Einerseits wenn man einen Hang über Tage beobachtet oder aber wenn es kürzlich etwas Neuschnee gegeben hat; in letzterem Fall wird der Boden im oberen Teil des Fischmauls mit Neuschnee bedeckt sein, während im unteren Teil der Boden zu sehen ist, weil sich das Fischmaul seit dem letzten Schneefall vergrössert hat.

Keine erhöhte Gefahr besteht, wenn man sicher ist, dass der Gleitschnee sich nicht mehr bewegt. An vielen Hängen mit Gleitschneerissen gehen letztlich keine Gleitschneelawinen ab; dort verlangsamt sich die Fliessgeschwindigkeit und das Gleiten kommt nach einer gewissen Zeit zum Stillstand. Nach einem Schneefall entstehen dann keine neuen Gleitschneerisse mehr und der Boden ist nirgends mehr sichtbar.

Was wir auch wissen: Je dünner die Schneedecke, desto empfänglicher ist das gesamte System für rasche Veränderungen. Dies gilt vor allem für warmen Gleitschnee. Hier wirkt sich schon eine kalte Nacht stabilisierend aus. Umgekehrt wirkt sich Wärme rasch destabilisierend aus. Kalte Gleitschneelawinen reagieren nicht so schnell – und bei einer dicken Schneedecke kaum je – auf tägliche Temperaturschwankungen. Die Gefahr bleibt meist über Wochen bestehen.

Ob eine Gleitschneelawine nach einer gewissen Zeit tatsächlich abgeht oder nicht, hat insbesondere mit der Hangform zu tun. Vor allem mit der Art und Weise, wie der Gleithangbereich abgestützt ist: Weniger gefährlich sind flach auslaufende Hänge oder generell flache Hänge. Gefährlicher sind Hänge, die nach unten steiler werden oder über Felsbändern liegen.

Etwas Postives haben Gleitschneehänge jedoch, solange sie noch fliessen: Sie zeigen an, dass es ansonsten keine Schwachschichten in der Schneedecke des betreffenden Hangs gibt. Ein Hang kann also kaum gleichzeigt von Gleitschnee- und Schneebrettgefahr betroffen sein. 

Die Gleitschneeaktivität ist in der Regel ein sehr lokales Phänomen – insbesondere bei kaltem Gleitschnee. Das Lawinenbulletin gibt deshalb nur eine rudimentäre Grössenordnung der Gefahr wieder.

Wir haben dazu ein Factsheet zusammengestellt.

Mehr zu typischen Gefahrenmustern findest du hier, auf unserer WebApp wissen.bergpunkt.ch oder auf der SLF-Homepage.

Gleicher Hang zwei Wochen später.
Gleicher Hang zwei Wochen später.

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In unseren Ausbildungskursen lernst du die Schneedecke zu beurteilen und das Risiko zu minimieren.

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